„Meine Medien, meine Familie und ich“ – ein medienpädagogischer Workshop auf dem Familienkongress der Lebenshilfe und ihrer Partner in Berlin

Familienkongress der Lebenshilfe 2013
Familienkongress der Lebenshilfe 2013 in Berlin

Medienpädagogik und Inklusion ist ein Themenbereich, der insbesondere in der medienpädagogischen Eltern- und Familienbildung bislang fast sträflich vernachlässigt wurde. Umso mehr freute ich mich über den Auftrag, bei dem Familienkongress der Lebenshilfe und ihrer Partner in Berlin einen entsprechenden Workshop anzubieten.

Talkshow „Wie wir leben, was wir wollen: Vielfalt live“
Talkshow „Wie wir leben, was wir wollen: Vielfalt live“

Bereits der erste Kongresstag am 6. September, den ich als Zuhörerin besuchte, war vielversprechend. Bei herrlichem Sommerwetter war die Stimmung und Atmosphäre ebenso bunt und lebendig wie das Motto: „Wir machen Gesellschaft“. Ich lese im Rahmen meiner Doktorarbeit viel Wissenschaftliches zum Thema Familiensoziologie und -politik, aber so viel über Familien und ihre wundervolle Einzigartigkeit habe ich selten gelernt, wie bei der Talkshow „Wie wir leben, was wir wollen: Vielfalt live“. Schade, dass so wenige Politiker_innen den Weg ins FEZ Berlin fanden. Die Geschichten der Podiumsteilnehmenden hätten besonders vor der Bundestagswahl den ein oder anderen Denkanstoß liefern können.

Am zweiten Kongresstag, dem 7. September, begrüßte ich schon morgens um 9.15 Uhr meine Workshopteilnehmerinnen und –teilnehmer. Etwas kleiner als erwartet war die Gruppe, aber nicht minder diskussionsfreudig und engagiert. Für mich stellte die Fokussierung auf Familien mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderung trotz eigener familiärer Erfahrungen relatives Neuland dar. Aus meiner Praxis und Theorie zum Thema Belastungen in Familien und deren Bewältigung mittels Medien wusste ich jedoch: Jede Familie hat individuelle Themen, Bedürfnisse, Wünsche und Herausforderungen bezüglich Mediensozialisation und Medienerziehung. Folglich – und das ist auch mein Verständnis von inklusiver Medienpädagogik – müssen Angebote per se subjetorientiert gestaltet sein, um keine vermeintlich allgemeingültigen Rezepte zu streuen, sondern individuelle Unterstützung und Beratung anbieten zu können. Das Workshopkonzept „Meine Medien, meine Familie und ich“ sollte individuelle Zutaten liefern, die die Teilnehmenden im Dialog erarbeiteten. Dazu gestalteten wir Plakate, die neben der Möglichkeit zur kreativen Selbstpräsentation bspw. über Familienzeichnungen oder vor Ort ausdruckbare Fotos die Reflexion des eigenen Medienhandelns sowie der Medienpraxis der anderen Familienmitglieder zum Gegenstand hatten.

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Chance der Medienpraxis: Selbständigkeit der Tochter mit Down-Syndrom am PC
Konflikte mit Medien zu den Themen Datenschutz und Zeitverlust
Konflikte mit Medien zu den Themen Datenschutz und Zeitverlust

In einem ersten Schritt identifizierten die Teilnehmenden Stärken hinsichtlich der familialen Medienpraxis. Welche positiven Momente der Mediennutzung sind in den Familien vorhanden? Wo gibt es Gemeinsamkeiten, die gepflegt werden sollen und bei denen wertvolle Medienbildungsmomente möglich sind? Neben musischen Aktivitäten, der Kommunikation via neuen Medien und der besonderen Bedeutung von Familienfotos, berührte mich besonders die Geschichte einer Mutter, die von ihrer gemeinsamen Playstationpraxis erzählte. Ihre Tochter mit Down-Syndrom, die unter Autismus leidet, konnte im Zuge des Playstationspielens mit ihrer Familie zum einen Gemeinschaft zulassen und genießen, zum anderen sich selbst als kompetent erleben. Alle hatten Spaß und fühlten sich als Familien verbunden. Außerdem ging es darum, Konfliktthemen zu identifizieren und sich über Probleme und unterschiedliche Meinungen bewusst zu werden, besonders, um sie als Gesprächsanlass nehmen zu können und im steten Austausch über die unterschiedlichen Meinungen, Erfahrungen und Erwartungen zu bleiben. Ein Vater merkte zur Internetnutzung auf seinem Plakat treffend an: „3 Menschen -> 3 Meinungen“.

Mediengrundriss: Raum für individuelle Nutzung? Raum für Gemeinschaft?
Mediengrundriss: Raum für individuelle Nutzung? Raum für Gemeinschaft?

Als weitere Reflexionsanreize konnten die Teilnehmenden Mediengrundrisse ihrer Haushalte zeichnen, um sich über individuelle und gemeinschaftliche Medienräume Gedanken zu machen und das eigene Medienportfolio zu identifizieren. Auch der Impuls, einen Medienwochenplan zu gestalten, regte den Austausch zum Thema Ritual und Gewohnheiten an. Alle Teilnehmenden befürworteten eine stärkere Verankerung von medienpädagogischen Angeboten für Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf. Auf den Plakaten fanden sich diverse Wünsche an die Bildungspolitik, die von der Medienkompetenz-Schulung der Eltern über die Themen „Kostenkontrolle bei der Handynutzung“ und Computerprogrammen in einfacher Sprache bis hin zu gemeinsamen medienpädagogischen Angeboten für Kinder und Eltern reichten. Im Anschluss an den Workshop wurden die erstellten Plakate im großen Tagungssaal ausgehängt, wo noch bis Sonntag Mittag ein vielfältiges Programm geboten wurde.

Mein persönliches Fazit lautet: Selten hat mir ein Workshop so Spaß gemacht wie dieser. Selten waren die Gespräche in und nach dem Angebot so bereichernd wie mit dieser engagierten und motivierten Gruppe. Ich wünsche mir, dass das Thema Medienpädagogik für Menschen mit Behinderung und ihre Familien ein selbstverständliches Angebot findet. Am wünschenswertesten wäre es, wenn inklusive medienpädagogische Veranstaltungen flächendeckend etabliert würden. Denn ist nicht Familie an sich schon ein inklusiver Raum? Unterschiedliche Generationen, Erfahrungen und Mediennutzungsweisen prallen aufeinander, ergänzen sich, reiben sich und haben so viel Potenzial, Familie zu bereichern.

Die Rückmeldungen waren übrigens sehr positiv. Obwohl ich den Workshop offiziell pünktlich beendete, um allen die Chance zu geben, Jan-Uwe Rogge auf der Bühne zu sehen, blieb der harte Teilnehmerkern noch fast eine Stunde bei informellen Gesprächen zusammen. Was könnte ich mir mehr wünschen?

Online-Ausstellung der im Workshop erstellten Plakate:

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