Die Dr. Sommer Studie 2016 im medienpädagogischen Kontext

Seit 1969 zählt das BRAVO Dr. Sommer-Team für Jugendliche zu den einflussreichsten Aufklärern hinsichtlich Sexualität. Immer wieder mehr als provokant und von (ehemals selbst lesenden) Eltern kritisiert, stellt das Dr. Sommer-Ressort für Medienpädagoginnen und Medienpädagogen ein wichtiges Stimmungsbild dar. Besonders die in den Jahren 2006, 2009 und jüngst 2016 erschienene Dr. Sommer Studie liefert wichtige Daten zum Umgang von jungen Menschen mit den Themen Pornografie, Schönheitsideale und Selbstdarstellung. Im Vergleich mit den vorherigen Ergebnissen lassen sich langfristige Entwicklungen abbilden.

Schönheitsideale

Schönheitsideal_dr_Sommer_2016So zeigt sich, dass die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper insbesondere bei Mädchen kontinuierlich abnimmt. Waren 2006 noch 66% der Mädchen mit ihrem Aussehen zufrieden, sank der Wert im Jahr 2009 auf 56%. Heute behauptet dies nur noch die Hälfte der Mädchen (52%) von sich. Ab 15 Jahren kontrolliert jedes zweite Mädchen regelmäßig ihr Gewicht. Mit elf hat bereits jedes zehnte Mädchen eine Diät gemacht, mit siebzehn fast die Hälfte. 23 % der Mädchen und 16 % der Jungen geben an, bereits aufgrund ihres Gewichts gemobbt worden zu sein. Die Mehrheit der Jugendlichen sieht einen möglichen Zusammenhang zwischen Beliebtheit und Dünnsein.

Wenngleich keine kausalen Schlüsse gezogen werden sollten, machen diese Werte deutlich, dass es unumgänglich ist, mit Jugendlichen medial vermittelte Schönheitsbilder zu reflektieren. Während die letzten beiden Dr. Sommer Studien insbesondere vor dem Hintergrund der 2006 gestarteten Castingshow Germanys Next Top Model diskutiert wurden, liefern heute Social Media-Plattformen wie Instagram, Snapchat oder Facebook Identifikationsfolien für junge Menschen. Dabei glänzen die dort präsentierten Fotos – insbesondere die Bilder der Stars und Sternchen – häufig durch digitale Selbstoptimierung. Einfache Bildbearbeitungsoptionen und entsprechende Filter zaubern dank Weichzeichnern im Nu ein reines Hautbild. Unter Umständen korreliert diese Funktion mit dem massiven Rückgang der Zufriedenheit mit der eigenen Haut, die sich seit 2009 bei den Mädchen um 10 % (auf 52 %) und bei den Jungen um 7 % (auf 61 %) verringert hat. Ähnliche Entwicklungen zeigen sich hinsichtlich der Zufriedenheit mit dem eigenen Gesicht und dem Bauch. Besonders Mädchen stellen Selfies ins Netz. Am aktivsten sind die 14-Jährigen. Dreiviertel geben an, zumindest selten ein Selfie z. B. bei Instagram zu posten. Schon ein Viertel der 11-Jährigen nimmt ebenfalls an dem Trend teil.

Doch nicht nur in der Jugend prägen Medien die Körperwahrnehmung. Bereits im Kindesalter orientieren sich Heranwachsende an ihren Lieblingsmedienfiguren. Das IZI unter Maya Götz befasst sich schon seit Längerem mit der Wirkung von Zeichentrickfiguren auf Kinder und kritisiert deren sexualisierte und stereotyp körperbetonte Darstellung.

Erotische Selbstdarstellung und Pornografie

IMG_4810Speziell das Thema Sexualisierung ist seit der Debatte um das Phänomen Sexting – dem Versenden erotischer Selbstporträts via Smartphone – ein Dauerbrenner in medienpädagogischen Veranstaltungen. In der Tat ist die erotische Selbstdarstellung ein Thema für Jugendliche. Mit 14 gibt jeder zehnte Jugendliche an, schonmal ein Nackt-Selfie oder erotisches Selfie von sich gemacht zu haben, mit 17 Jahren bejahen diese Frage 31 % der Jungen und 22 % der Mädchen. Allerdings bleibt offen, was sie unter „erotisch“ verstehen und ob sie die Aufnahme anschließend versendeten. Ergänzende Informationen zum Thema Sexting liefert eine Studie der Initiative Saferinternet.at aus dem Jahr 2015. Demnach ist das Anschauen entsprechender Bilder weit mehr verbreitet als das tatsächliche Versenden und das Problembewusstsein sowie die Einschätzung der damit verbundenen Gefahren ist bei der Mehrheit der Jugendlichen vorhanden.

Wenig überraschend ist die Erkenntnis, dass in erster Linie Jungen Zugang zu Pornos haben, bzw. das Interesse bei Mädchen weit weniger vorhanden ist. Zwar gibt ein Zehntel der Jugendlichen an, pornografische Filme/Bilder ab 18 gesehen zu haben, richtige Zuwächse der Nutzer sind jedoch erst ab 14 Jahren zu verzeichnen. Mit 17 haben knapp die Hälfte der Mädchen und 83 % der Jungen „echte Pornos“ gesehen. Jedoch beantwortet die Frage mit der Formulierung „Hast du schonmal…“ nicht, ob es sich um eine einmalige oder regelmäßige Rezeption handelt. In erster Linie bekommen Jugendliche Zugang zu Pornos über das Internet. 30 % der Mädchen und 41 % der Jungen geben an, Pornografie via mobilem Internet konsumiert zu haben. Mehr noch als quantitative Zahlen interessiert in diesem Zusammenhang, wie Jugendliche Pornografie verarbeiten, welche Fragen und Antworten sie aufwirft und wie Jugendliche das Gesehene in ihre Lebenswirklichkeit einbauen. Weiterführende Informationen zu diesem Thema finden sich in der Studie „Porno im Web 2.0“, an deren Erhebung ich beteiligt war.

Schlussfolgerungen für die medienpädagische Praxis

Die Dr. Sommer Studie liefert wertvolle neue Erkenntnisse, die meines Erachtens nach insbesondere hinsichtlich des Themas Zufriedenheit mit sich und dem eigenen Aussehen eine medienpädagogische Relevanz zeigen. Es ist unumgänglich, mit Mädchen, aber auch mit Jungen, zu Schönheitsidealen in den Medien zu arbeiten und deren Machart zu entlarven. Workshops und Projekte der aktiven Medienarbeit können Kinder und Jugendliche dafür sensibilisieren, wie Fotografien und Videos Schönheit inszenieren können und gleichzeitig kreative Impulse für den Selbstausdruck mit Medien geben. An anderer Stelle in diesem Blog habe ich bereits Methoden zu diesem Thema gesammelt. Auf Youtube erweitere ich regelmäßig die Playlist „Schön! Schön? – in den Medien“ um Videos, die Schönheitsideale in den Medien zum Thema haben.

Wie auch zu anderen (medien)pädagogischen Themen ist es für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu den Themenbereichen Schönheitsideale, (erotische) Selbstdarstellung und Pornografie wichtig, ihre Perspektive wertzuschätzen und ihre Mediennutzung mit allen Möglichkeiten und Problemen ernst zu nehmen. Nur so können wir sie bei ihrer Medienbildung adäquat unterstützen.

 

Hier ist die Pressemitteilung abrufbar.

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