Apps im Familienalltag

Auf dem Fachtag „Zu viel los!? Familien zwischen Medienlust und Medienfrust“ im Rahmen der Stuttgarter Kinderfilmtage 2017 leitete ich ein Workshopangebot zum Thema „Apps im Familienalltag“. Anschließend interviewte mich Christian Reinhold vom Kindermedienland Baden-Württemberg. Das Interview ist hier auf Youtube zu sehen:

PRAXISBERICHT: Workshops zu „soziale Netzwerke“ und „Cybermobbing“ an der Hohensteinschule in Stuttgart

Das Schönste an der Arbeit einer medienpädagogischen Referentin ist es, Menschen kennenzulernen. Am 15.11.12 und 22.11.12 hatte ich die große Freude, mit der 9a und der 9b der Hohensteinschule in Stuttgart Zuffenhausen zusammenzuarbeiten. Als Trainerin für Onlinebewerbungskurse für tipsntrips hatte ich eine Klasse bereits im Frühjahr 2012 getroffen. Auf Initiative Herrn Hublers, des Klassenlehrers, kamen zwei weitere Workshops für beide 9. Klassen der Hohensteinschule in Kooperation mit dem Landesmedienzentrum Baden-Württemberg zustande. Wie auch an anderen Schulen war das Interesse an einem Angebot zu sozialen Netzwerken und Cybermobbing besonders groß.

„Facebook, meine Freunde und ich – So bleibe ICH der Chef über meine Privatsphäre“

„Der Chef über meine Privatsphäre? Cool!“ war die erste Reaktion, als eine junge Dame der 9a das Klassenzimmer betrat und einen Blick auf die erste Powerpoint-Folie warf. Tatsächlich war das Bewusstsein für einen reflektierten Umgang mit den Privatsphäreeinstellungen bei facebook bei den meisten Schülerinnen und Schülern vorhanden. Dennoch waren einige überrascht, als ihnen beim Schätzspiel klar wurde, dass ein öffentlich gestellter Inhalt bei facebook für 1 Milliarde Menschen sichtbar ist. Um so erschreckender, wenn man bedenkt, dass viele Personalmanager in sozialen Netzwerken nach Bewerbern Ausschau halten. Aber ganz so tragisch ist es nicht, denn manche Inhalte, wie Infos zu ehrenamtlichem Engagement oder spannenden Hobbies können sogar bei der Jobsuche hilfreich sein. Lachen mussten alle über folgenden Clip, bei dem der Titel Programm ist:

Doch nicht nur das Profil checken ist angesagt, vor allem der selbstbestimmte Schutz der Privatsphäre stand im Zentrum des Workshops. Dabei gibt es kein allgemeingültiges Rezept, sondern jede und jeder, der in sozialen Netzwerken aktiv ist, muss sich damit auseinander setzen, WAS sie oder er MIT WEM teilen möchte. Dass der Freunde-Begriff dabei wenig hilfreich ist, zeigte die folgende Mindmap, die wir gemeinsam erstellten. Eine wichtige Information lässt sich daraus gewinnen: „Freunde“ auf facebook sind weit mehr, als die „echten“ Freunde, die einem „nahe stehen“. Mithilfe der Freundeliste-Funktion auf facebook kann aber auch für entfernte Bekannte oder Arbeitskollegen die Sichtbarkeit von Fotos oder Statusmeldungen eingeschränkt werden.

Freunde-Mindmap in der Klasse 9 der Hohensteinschule Stuttgart

Freunde-Mindmap in der Klasse 9 der Hohensteinschule Stuttgart

„Cybermobbing – Lets fight it together“

Obwohl der zweite Workshop-Tag ein ernstes Thema hatte, starteten wir mit einem lustigen Spiel in den Tag: „Du kommst hier net rein!“ Die ganze Klasse setzte sich in einen Stuhlkreis. Lediglich ein Schüler musste in die Mitte des Kreises und hatte keinen Stuhl. Ziel ist es, in den Kreis zu kommen während die Klasse jeweils einen Stuhl nach links rutscht. Wer seinen Stuhl an die Person in der Mitte „verliert“, muss stattdessen in die Mitte und sein Glück versuchen. Schnell wurde allen klar: Hier geht’s um Mobbing. Um so wichtiger war es, sich einzugestehen, dass es zunächst nur darum geht, nicht selbst „Opfer“ zu werden. Und vor allem, dass es Spaß machen kann wenn man die Empathie zu der Person in der Mitte ausblendet. Die Rollenverteilung im Mobbing war schnell klar. Ich als die Person, die sagte „Hey, wir spielen ein cooles Spiel. Einer ist in der Mitte und kommt nicht in unseren Kreis rein!“ war ganz klar der „Mobber“. Alle, die aktiv verhinderten, dass das „Opfer“ in der Mitte in den Kreis kam, waren „Mit-Mobber“ und die anderen, die vielleicht lachten oder aber die Person in der Mitte anfeuerten waren die „Zuschauer“. Diesen kommt ganz klar eine zentrale Rolle zu. Sie bestimmen über das Schicksal des Opfers. Wenn alle Zuschauer Zivilcourage zeigen, hat eine von (Cyber-)Mobbing betroffene Person eine Chance!

Rollenspiel-Übung „Mobbing hat System“

Rollenspiel-Übung „Mobbing hat System“

Bei dem Rollenspiel „Mobbing hat System“ versetzten sich die Schülerinnen und Schüler in die jeweiligen Rollen und sagten Sätze, die jene Personen in ihrer Situation sagen könnten. So kann ein Mobber bspw. „Ich fühl mich cool, wenn ich andere fertig mache“ empfinden, ein Mit-Mobber hingegen aus Angst, selbst gemobbt zu werden „Ich mach mit, damit ich nicht als nächstes dran bin“ sagen. Auch hier wird klar, der Zuschauer muss nicht nur hilflos am Rand stehen und „Ich schau einfach mal weg“ denken, sondern kann selbst aktiv werden: „Ich hol jetzt mal Hilfe!“.

Durch die Übungen entstanden tolle Gespräche über die Konsequenzen von Mobbing und Cybermobbing, beispielsweise am Fall Amanda Todd, die sich nach einer Cybermobbing-Attacke das Leben nahm. Davor hatte sie ein Video auf Youtube veröffentlicht, das ihr Schicksal erzählt:

So stand beispielsweise die Frage im Raum, inwieweit wir Berichten über ihr Schicksal Glauben schenken können. Was ist „echt“ und was Teil der Cybermobbing-Gerüchtemaschine?

Besonders berührt waren die Schülerinnen uns Schüler von dem Film „Let’s fight it together“, der anhand eines Kurzfilms anschaulich aufzeigt, wie schrecklich Cybermobbing für Betroffene ist. Dennoch macht der Film Hoffnung, denn das Ende ist positiv und der Junge wieder in die Schulgemeinschaft integriert.

Die Schülerinnen und Schüler reagierten mit großem Mitgefühl, zeigten sich betroffen von der Einsamkeit, die der Junge empfand und empfanden sein Schicksal als ungerecht.

Die anschauliche Darstellung des Phänomens Cybermobbing half den beiden Klassen dabei, Cybermobbing zu definieren und die Unterschiede zum „herkömmlichen“ Mobbing zu verdeutlichen. Die Ergebnisse hielten wir an der Tafel fest:

Schrittweise Erweiterung der Mobbing-Definition um das Phänomen Cybermobbing

Schrittweise Erweiterung der Mobbing-Definition um das Phänomen Cybermobbing

Was hat Joes Situation im Film verbessert? Was hat sie verschlechtert?

Was hat Joes Situation im Film verbessert? Was hat sie verschlechtert?

Doch allein mit einer Definition ist es noch nicht getan. So entwickelten die Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen Lösungsansätze, in dem sie den Film danach analysierten, was die Situation des Betroffenen verschlechtert und welche Handlungen sie verbessert haben.

Schnell wurde klar: Ohne Hilfe geht nichts! Schon frühzeitig ist es wichtig, Hilfe bei anderen zu suchen. Oft sollten dies auch Erwachsene sein, deren Handlungsspielraum größer ist als der Gleichaltriger.

Ganz wichtig ist es, Hilfe zu suchen! Alleine kommt man nicht gegen Cybermobbing an!

Ganz wichtig ist es, Hilfe zu suchen! Alleine kommt man nicht gegen Cybermobbing an!

Was kann jede(r) tun? Zivilcourage zeigen!

Was kann jede(r) tun? Zivilcourage zeigen!

Doch nicht nur der Betroffene selbst kann seine Situation ändern. Wieder kommen die Zuschauer ins Spiel. Letztlich sind wir alle gefragt, Zivilcourage zu zeigen und andere zu unterstützen. Im Netz geht das über Kommentare, die die eigene Position klar machen und Schwächere unterstützen oder auch darüber, peinliche Bilder anderer NICHT zu teilen und nicht jedes Internet-Gerücht zu glauben. Ebenfalls hilfreich sind „blockieren“ und „melden“ Buttons. Denn wenn nur eine Person Beleidigungen oder unschöne Inhalte meldet, werden die Internetfirmen darauf in der Regel nicht reagieren, verbünden sich jedoch mehrere und helfen der betroffenen Person, so sind die Chancen höher, den Mobber zu sperren oder die schlimmen Inhalte entfernen zu lassen.

An der Hohensteinschule waren sich alle einig: Cybermobbing? Let’s fight it together!

Linktipps zu Cybermobbing:

www.nummergegenkummer.de

www.facebook.com/juuuport

http://www.klicksafe.de/themen/kommunizieren/cyber-mobbing/